Huayhuash - Nev. Tsacra Chico 5548m - Erstbegehung Westwandcouloir

In gemütlichem Tempo marschieren wir am Sonntag, dem 13. September los. Unser Ziel ist die westlich von unserem Basecamp gelegene Laguna Tsacra. Der Weg führt über einen 4990m hohen Pass. Ich bin bereits etwas müde und schlapp von der ganzen Expedition, deshalb hält sich meine Motivation noch etwas in Grenzen. Doch nach 2h sind wir auch schon auf der Passhöhe, das Aufstiegssoll war also bereits erreicht. Der Weg hinunter auf 4700m zur Laguna Tsacra war wunderschön. Der Weg war zwar staubig und steinig, es erwarteten uns jedoch wunderbare Felsformationen und zwei traumhafte "Mini-Lagunen". So machte das wandern mit dem schweren Rucksack Spass! Bereits am frühen Nachmittag treffen wir an der Lagune ein. Wir entscheiden uns, das Zelt nicht direkt an der Laguna Tsacra, sondern an einem kleinen See oberhalb aufzustellen. Als wir den See inspizieren, entdecken wir eine tote Kuh, die auf einer Algenbank aufgelaufen war. Wie die ins Wasser kam, erschliesst sich mir nicht ganz. Aber sie war da, der Verwesung auf der Oberseite (die Unterseite war im Wasser und gut erhalten) schätzten wir, dass sie doch schon eine ganze Weile da ihren Frieden gefunden haben muss. Deshalb entschied ich mich, das Wasser zum kochen und trinken von der 10min entfernten unteren Lagune zu holen. Man weiss ja nie... Den Nachmittag verbrachten wir essend, schlafend, schreibend und rätselnd... wie wird die Wand aussehen? Wie werden die Verhältnisse sein? Unüberwindbare Gletscherspalten? Viele Fragen, doch ich freute mich jetzt nochmals riesig darauf, etwas im Eis zu pickeln. Eine meiner Lieblingsspielarten im alpinen Gelände. Und morgen schien es endlich wieder so weit zu sein. Und ja, wir wurden nicht enttäuscht. Auch wenn wir insgesamt fast 15h unterwegs waren, zum klettern war es einfach schön, easy und "es het gfägt". Aber von vorne...


Tagwache war wie gewohnt um 02:30 Uhr. Draussen war es wieder kalt, jedoch nicht so wie auch schon. Das kochen des Wassers braucht immer etwas Überwindung. Wir hatten ja wieder den Benzinkocher dabei, weshalb wir nicht im Zelt kochen können. Doch wir hatten uns eingerichtet und so konnte ich ihn halbwegs aus dem Schlafsack bedienen. Nach einer halben Ewigkeit kochte das Wasser endlich und wir konnten unser Müsli verzehren. Dann hiess es anziehen und ein wenig später waren wir startklar.


Zuerst ging es hinunter zur Laguna Tsacra und anschliessend wieder 300hm über eine Schutt-Moräne hinauf an den Gletscher des Nevado Tsacra Chico. Wir folgtem dem Gletscher auf Schutt an seinem Rand bis wir auf Höhe der Westwand waren. Hier schirrten wir uns an und dann ging es auch schon los. Der Zustieg über den Gletscher hielt sich verhältnismässig kurz, denn in 20min waren wir bereits am Einstieg. Man merkte, dass wir besser anklimatisiert waren, denn wir waren doch relativ zügig unterwegs. Und nun kam die grosse Frage, vor uns ein ziemlich grosser, sehr steiler Gletscherbruch über ca. 250hm. Yeah, das sieht nach cooler Eiskletterei aus schiesst es mir durch den Kopf. Und so war es auch. Wir kletterten einfach der Nase nach, immer Ausschau haltend nach kletterbaren Abbrüchen und Aufschwüngen. Doch  es stellten sich uns auch einige Hindernisse in den Weg. Fast am Ende des ganzen Gletscheraufschwunges überkletterte Damian gerade eine erste Spalte, folgte einer steilen Eiswand 15m hinauf und stiess dann auf eine riesige, klaffende Spalte. Nun gegen links sahen wir kein Ende, rechts 30m weiter unten gab es eine kleine Brücke, die man mit einem grossen Schritt erreichen könnte. Damian kletterte der Spalte nach hinunter und machte Stand. Ich folgte und startete sogleich in die nächste Länge. Ich überquerte die Spalte und kletterte anschliessend den steilen 15m hohen Spaltenrand hinauf. Das Eis war etwas brüchig, jedoch tiptop kletterbar. Wunderbar, ich genoss es, ein wenig zu klettern. Dann waren wir auf einem kleinen Gletscherplateau. Dieses querten wir in 3 Seillängen. Auch dort galt es wieder eine grössere Spalte zu überklettern. Sie stellte jedoch kein Problem dar. Von dort kletterte ich noch 30m eine steile Firnflanke hinauf und erreichte somit den grossen Bergschrund unseres Abschlusscouloirs. Es sah sehr schön aus, genau so wie ich es mir vorgestellt habe. 


Damian startete dann in die erste Länge. Er überkletterte den ziemlich heiklen Bergschrund sehr elegant (auf jeden Fall eleganter als ich...). Die Brücke war nur aus komischem "glasigen" Röhreneis. Auf jeden Fall verzichtete ich auf die Pickel und hielt mich mit den Händen, damit der Porzellanladen nicht durch die Schläge einbrach. Die weiteren Meter bis zu Damians Stand nach vollen 60m waren dann wieder wunderbare Eiskletterei in 60° steilem Gelände. Damian konnte einen super Stand auf einem Felspodest einrichten. Die nächste und letzte Länge ging wieder auf mich. Ich freute mich wie ein kleines Kind dass ich hier klettern durfte. Die Länge sah nochmals spannend und cool aus. Und das war sie auch. Zuerst ging es in 60° Gelände weiter, bevor es auf den letzten 15m nochmals interessant wurde. Weicher Schnee auf Eis, am Schluss ein eisiger, ziemlich steiler Kamin der links jedoch weicher "Pfludischnee" hatte. So konnte ich mit guter Spreizkletterei ein Podest erreichen. Mental forderte es mich dennoch ein wenig, denn die Pickel fanden auf dem Podest und über dem Eis kaum Halt, weshalb ich mich auf meine Füsse konzentrieren musste. Ich klettere über die steile Wächte und mache an der Rückseite mit Eisschrauben einen Stand und sichere Damian nach.


Das Wetter hat sich mittlerweilen doch deutlich verschlechtert. Dichte, dunkle Wolken sind aufgezogen. Wie wir wussten, konnte es nun regnen und schneien, oder es konnte trocken bleiben. Man wusste es nie, das machte es noch spannend. Mit der Einstellung schon bald den Gipfel zu erreichen erkletterten wir den brüchigen Felsgrat. Doch weit gefehlt, als wir oben sind, sehen wir dass sich der Grat noch weiter zieht. Also ging es auch für uns weiter. Das Gelände war ultra brüchig und immer ausgesetzt. Jedoch nicht all zu schwer. Doch wir mussten uns konzentrieren, gefühlt bei jedem zweiten ging ein Felsbrocken hinunter. Doch irgendwann um ca. 13:30 Uhr standen wir auf dem 5548m hohen Gipfel des Tsacra Chico. Yeah, das war jetzt ein super cooler Abschluss unserer Expedition!


Doch es war noch lange nicht fertig. Wir diskutierten lange wo wir absteigen sollen. Es gab zwei Varianten: Entweder traversierten wir hinüber auf den Nordgipfel und stiegen die uns bereits bekannte Route nordseitig ab, oder wir seilten und stiegen über die aufgestiegene Route ab. Die Traversierung zum Nordgipfel sah einerseits jedoch wieder recht brüchig und zeitaufwändig auf, andererseits mussten wir dann am Ende des Nordgrates irgendwie wieder über den uns unbekannten Westgletscher zurück zu unserem Zelt kommen. Deshalb entschieden wir uns für Variante zwei. In gerade 2x50m abseilen an ziemlich wässrigen Eissanduhren erreichten wir wieder das Gletscherplateau. Mittlerweilen hatte sich der Himmel an der genau richtigen Stelle geöffnet: Die Sonne brannte kurz unerträglich, es wurde heiss, sehr heiss. Und wir waren doch schon ziemlich müde. Über den Gletscher stiegen wir ab und gelangten so an den Abbruch. Hier begannen wir wieder mit dem ewigen abseilen. Damian ging jeweils gesichert an einer Backup Eisschraube hinunter. Ich folgte dann an der Eissanduhr. Diese waren meistens ziemlich mies, war es doch eher warm und das Eis demzufolge "wässrig". Irgendwie war ich immer ein wenig gefasst, dass es mit mir plötzlich abwärts ging.


Und dann hatte ich einen kleinen Schreckmoment. Damian war bereits unten in einem flacheren Teil, ich noch oben unterhalb der riesigen Spalte. Und plötzlich hörte ich ein lautes Surren. Ich sah hinauf, erblickte wie einige Steine in einem irrsinnigen Tempo durch die Luft flogen. Sofort drückte ich mich so gut es geht an die 50° steile Spaltenlippe. Ich rief Damian schreiend zu: "Achtung, Stei!". Es folgten nochmals einige Brocken. Doch alle schlugen 3m von mir entfernt ein. Phu, ich war gerade ziemlich nervös. Ich baute sehr schnell den Stand ab und versuchte so schnell wie möglich abzuklettern. Aber eine weitere Spalte stellte sich mir in den Weg, ich versuchte über eine Brücke zu klettern, doch sie war zu schwach. Also kletterte ich wieder etwas schräg hinauf und konnte sie oben auch besser queren. Immer mit der Angst im Nacken, es könnten wieder steinige Geschosse auf mich fliegen. Bei Damian angekommen war ich nun doch etwas froh. Die nächsten 100m stiegen wir wieder ab, manchmal auch kletternd. Und dann seilten wir nochmals 2x50m ab. Am letzten Stand war ich gerade dabei, die Eissanduhr einzurichten, als wir wieder einen komischen "Donner" oder so etwas ähnliches hörten. Mir war das Geräusch natürlich bekannt, Damian offensichtlich auch, denn er schaute mich an und sagte: "Nei, hoffentlich its nid no bi üs.". Ich wartete war ruhig, doch die Eislawine ging an einem anderen Ort ab. Wir sahen nichts, konnten nur hören. Zügig gings das letzte Mal am Seil hinunter. Unten auf  dem Gletscher packten wir zügig beide Seile ein und "rasten" über den Gletscher hinunter auf die Moräne, wo wir uns von all unserem Plunder entledigten. Mittlerweilen war der Himmel wieder sehr verhangen. Es wurde kalt und meine Nassen Finger wurden etwas steif. Nicht mehr ganz so zügig machten wir uns auf den Rückweg zum Zelt, welches wir ziemlich erschöpft und Müde um 18:30 Uhr erreichten. Just hier begann es auch zu regnen, perfektes Timing! Die Spaghetti mit Tomatensauce kochten wir wieder direkt vom Zelt aus. Was für eine Wohltat! Und dann verfielen wir auch schon in einen tiefen und erholsamen Schlaf...


Am nächsten Tag erwachten wir in einer leicht verschneiten, wunderschönen Landschaft. Als die Sonne kam war auch bald der Schnee weg und wir konnten unsere sieben Sachen packen. Der Rückweg hinauf auf den Pass gestaltete sich ziemlich anstrengend. Wir waren im gefühlten Schneckentempo unterwegs. Sobald es abwärts ging, war auch unser Tempo wieder besser. Und so erreichten wir gegen Mitttag ziemlich ausgelaut unser "Zuhause". Denn so nannten wir es einerseits wirklich, andererseits fühlte es sich auch so an. Ein perfekter Abschluss einer super Expedition.

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