Huayhuash - Nev. Tsacra Chico Norte 5513m - Ostgrat

Bereits am Donnerstag, dem 27. August, stiegen wir mit dem Hochlagerzelt hinauf an die 300m höher gelegene Laguna Barrosacocha, um uns einerseits besser anzuklimatisieren, andererseits am folgenden Tag den Nev. Tsacra Chico Norte über dessen schönen Ostgrat zu besteigen. Wir waren gespannt, denn dieser Grat stach uns direkt vom Basecamp aus in die Augen. Wie schwer wird er sein, fragten wir uns. Wie kommen wir wieder hinunter? Wie ist der Schnee, kann man sichern? Fragen über Fragen. Was wir wussten: Dass der Grat erstmals von 3 Japanern begangen wurde und seither wahrscheinlich nicht mehr, da es von Norden lediglich 4 Besteigungen zu verzeichnen gab. Genau richtig für unsere erste Tour! Eine coole Line, perfekte Höhe zum besseren Akklimatisieren...was will man mehr? Doch es kam anders: Als der Wecker um 2:30 Uhr klingelte, regnete es tatsächlich. Nach 3x Wecker verschieben war es dann auch schon 6 Uhr morgens. Es regnete zwar nicht mehr, jedoch war der ganze Himmel verhangen. So entschieden wir uns, einfach mit dem ganzen Material hinauf in die "Rasac Punta" (Rasac Pass) zu steigen und es dort zu deponieren, so dass wir am nächsten Tag mit leichtem Gepäck direkt vom Basecamp aus aufsteigen konnten. Am Mittag waren wir auch wieder unten und erholten uns gut. 

 

"Hm, geht es mir durch den Kopf, ich schaue doch mal auf die Uhr. Huch, schon 03:15 Uhr!? Irgendwie hatte ich den Wecker verschlafen. Zügig stand ich auf und nahm den Kocher in Betrieb!" So begann der Samstag, 28. August, an dem wir versuchen wollten, den Tsacra Chico Norte Ostgrat zu begehen. Mit etwas Verspätung starteten wir um 04:30 Uhr. Zwei Stunden später standen wir auch schon wieder bei unserem Materialdepot am Rasac Pass. Wir montierten all unseren Plunder und dann konnte es endlich losgehen. Ich war froh, gab es nun endlich etwas Action. Die ganze Anreise, der Materialtransport und das ewige Herumsitzen zerrte an meinen Nerven und meiner Motivation. Manchmal fragte ich  mich ernsthaft, was ich hier suchte. Doch nun war es mir klar, meine Gedanken waren voll und ganz auf den Moment, auf das Handeln im Hier und Jetzt gerichtet. Denn mir war klar, hier muss es "funktionieren", es darf uns kein "grosser" Fehler passieren. Denn eine Rettung würde lange, sehr lange dauern und wenn wir uns in eine Sackgasse manövrieren, könnte auch ein Rückzug problematisch werden. So versuchte ich immer möglichst vorausschauend zu klettern und zu handeln, was mir eigentlich auch gut gelang.

 

Der Grat startete direkt vom Pass aus. Zuerst gingen wir noch einige Meter seilfrei, bevor wir an eine erste Steilstufe gelangten. Hier seilten wir an und Damian kletterte darüber hinweg. Und dann kam auch schon das erste Mal die Frage: "Oha, wie geht es hier weiter?" Ein senkrechter und teilweise leicht überhängender Aufschwung von ca. 50m stand uns im Weg. Fast keine Risse, also war auch nichts zum Technoklettern, dafür waren wir zu wenig ausgerüstet. Links führte ein ziemlich brüchiges und staubiges Couloir hinunter. Diesem folgten wir. Und tatsächlich: Nach 20m abklettern führte von hinten wieder ein Couloir hinauf in eine Scharte nach dem grossen Turm. Juhu, wunderbar, schiesst es mir durch den Kopf. Dann kam auch schon die nächste schwierige Stelle. Ein weiterer grosser Aufschwung war uns im "Weg". Damian war an der Reihe und kletterte 10m einem grossen Riss im vierten Grad hinauf. Dann konnte er auf einem grossen Band 20m nach links queren und dort einen Standplatz einrichten, damit ich nachkommen konnte. Die Kletterei im Riss war traumhaft! Fest, nicht brüchig und gut absicherbar. Den ganzen Turm mussten wir wieder links in brüchigem Gelände umgehen, da auch dieser schlicht zu steil aussah (wie auf den Bildern zu sehen ist). Dann kamen wir auf einen langen, flachen Grat dem wir folgten. Auch der nächste Aufschwung sah wieder unglaublich steil aus. Mir wurde langsam bewusst, dass wohl mit einem erwarteten 3er hier nicht mehr zu rechnen war. Nun ich wollte es schwierig, jetzt habe ich es schwierig. Wunderbar eigentlich?! Auch diesen Aufschwung konnten wir links über einen steilen Gletscher umgehen. An dessen Ende stiegen wir durch ein brüchiges und steiles Couloir wieder zurück auf den Grat. Hier erwartete uns auch die Schlüsselstelle der ganzen Tour: Am Ende des Couloirs stieg ich in die letzte Seillänge ein. Zuerst einfaches, brüchiges Gelände mit etwas Schnee, was das ganze leicht rutschig machte. Dann musste ich verspreizend eine 2m hohe Verschneidung hinaufklettern und anschliessend nach rechts hinauf queren. Der Fels war brüchig, die Tritte ziemlich abschüssig und meine Finger kalt. Doch ich konnte einige Friends setzen, so dass wir gegen einen Totalabsturz gesichert wären. Beim dritten Anlauf nach einigem "Hinkelsteinwerfen" von brüchigen Griffen hatte ich die Lösung, vertraute ganz auf meine Füsse auf den abschüssigen Tritten und erreichte endlich den Ausstieg. Phu, einen guten Fünfer auf dieser Höhe zu klettern ist doch etwas anstrengender als in den Alpen geht es mir durch den Kopf. Am Grat baue ich einen Stand und sichere Damian nach.

 

Wir sind nun unter dem grossen, langen Aufschwung der zum ersten Firnfeld in der Nordwand führt. Und da kommt auch schon dass nächste "Problem". Ein kurzer Eisbuckel. Ich lasse Damian am Seil hinunter, montiere kurz die Steigeisen und klettere ab. Ich finde diesen Buckel faszinierend. Ein kleiner Überrest vom Gletscher, ca. 20m auf 20m gross. Auf der anderen Seite geht es in brüchigem Gelände gleich steil hinauf. Auf einem Absatz gönnen wir uns eine Pause und diskutieren über den Weiterweg. Der grosse Aufschwung entpuppt sich dann tatsächlich als eher einfach und der dritte Grad wurde nicht mehr überschritten. In ca. 5 Seillängen erreichen wir das Firnfeld in der Mitte. Hier können wir plötzlich dem Grat nicht mehr folgen. Hinter dem Firnfeld geht es sehr steil hinunter, und wie könnte es auch anders sein, auf der anderen Seite wieder sehr steil hinauf. Ich quere das ganze Firnfeld nach rechts (Norden) und gelange so vor die Abschlusswand. Hier begegneten wir das erste Mal dem sogenannten "Büsserschnee", von uns auch vorzugsweise "Mörderschnee" genannt. Einerseits deshalb, da er sehr spitzige aufragende Zacken hat, andererseits war es doch ziemlich anstrengend über die Spitzen zu steigen. Aber immerhin, abstürzen konnte man in diesen Zacken nicht. Das Büssereis entsteht durch ungleichemässige Abschmelzung bei starker direkter Sonneneinstrahlung und geringer Luftfeuchtigkeit. Man findet ihn vorwiegend in randtropisch - und subtropischen Trockenzonen. Die Zacken können bis zu 6m hoch werden. Bei uns überschritten sie die 1.5m Grenze zum Glück nicht, sonst könnte es unter Umständen problematisch werden. 


Nach einer Pause unter der Schlusswand stieg ich ein und folgte der einfachsten Linie. Mal schauen wie es da oben aussieht, dachte ich. Doch ich dachte auch: "Mei, das sieht jetzt stotzig aus...?!". Doch es ging besser als erwartet. Ich fand eine optimale Linie, konnte gute Stände bauen und entspannt klettern. Nach 4 Seillängen erreichten wir das obere Gipfelfirnfeld. Die Schwierigkeiten überschritten den 4. Grad nicht mehr, wunderbar! Das Gipfelfirnfeld wartete nochmals mit "Mörderschnee". Die Luft war nun etwas dünner, wir bereits seit einigen Stunden unterwegs, was sich in Schneckentempo ähnlicher Geschwindigkeit äusserte. Doch gegen 13:00 Uhr erreichten wir den Gipfel. Wuhu, unser erster 5000er, und das über eine so coole und schöne Route, wunderbar! Über das Firnfeld stiegen wir ab, unten seilten wir an einem alten vorhanden Schlaghaken (ich glaubte es kaum), 15m ab. Den Rest der Gipfelwand stiegen wir gesichert ab. Zurück am Fuss der Wand zog ein Grat Richtung Norden. Wir folgten diesem, den von unten sahen wir dann südwestlich vom Nordgrat ein Couloir hinunter ziehen. Mal schauen, ob wir das absteigen können...ich hoffte es auf jeden Fall. Und tatsächlich, nebst einigem an Bruch und Schotter hielt es keine Schwierigkeiten mehr bereit. Hehe, eine Seltenheit heute. Wir querten zurück zum Rasac Pass, wechselten Bergschuhe gegen Trailschuhe und setzten den restlichen Abstieg ins Basecamp fort, welches wir gegen 18:00 Uhr erreichten. Müde und doch ziemlich zufrieden kochten wir uns wie noch häufig in Zukunft unsere Teigwaren mit Tomatensauce.

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