Erstbegehung Grosshorn W-Wandpfeiler

"Noch ein paar Längen, dann sind wir oben" rief ich Damian zu. Nun gut, es dauerte weitere zwei Stunden, denn die Schlüssellängen standen uns bevor. Gibt es etwas geileres (sorry für diesen Kraftausdruck), als mit tausend Meter unter dem Füdli einen Riss anzugehen? Durchaus: Stellen die mit Eis und Schnee gepfeffert sind. Der höchst ersehnte Schoggdrink musste also warten.

Bei der Erstbegehung des Fliegenpfeilers vor einem Jahr, entdeckten wir eine spannende Linie an der Westseite des grossen Horns im Lauterbrunnental. Nach einer kurzen und gewittrigen Nacht startete ich mit Damian Göldi in Richtung Westwand. Der Schnee war durchnässt, doch mit der Hoffnung, weiter oben auf gute Verhältnisse zu stossen, stiegen wir aufwärts. Bei Tagesanbruch fanden wir uns im unteren Teil der Wand wieder. Die Linie ist interessant: kombinierte Wandkletterei im unteren Teil, spannende Gratabschnitte im oberen Bereich und ein noch coolerer (oder besser gesagt "hotterer") Abstieg. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf einem unbekannten Wege kraxelt immer die Ungewissheit mit. Wie sieht es oben aus? Haben wir eine Chance durchzukommen? Wir werden es sehen. Nach einer ersten, unangenehmen abwärtsgeschichteten Länge, erreichten wir über kombiniertes Gelände den Mittelteil der Route. Ein Firnfeld der besonderen Art. Wir entspannten uns und liessen den Blick in die Ferne schweifen. Schon oft waren wir in diesem Tal unterwegs, und jedes Mal geraten wir erneut ins Staunen. Gigantisch, weit und breit keine Menschenseele zu sehen! Doch um unsere eigenen Seele baumeln zu lassen war der falsche Zeitpunkt. Am Pfeiler angekommen, erstmal ein Schlag ins Gesicht. Um den Start direkt angehen zu können, sollte man mit Kletterfinken und Gottvertrauen gesegnet sein. Der Fels ist praktisch durchgehend brüchig (übrigens fast überall in diesen Wänden). Deshalb holen wir leicht rechts aus und gelangen etwas später zurück auf unser Objekt der Begierde. Die folgenden Seillängen waren fantastisch: ausgesetzt, brüchig und mit Schnee und Eis vom abendlichen Gewitter überzogen. Ein kleines Abenteuer wie ich es mir gewünscht habe. Der letzte Turm stellte auch gleich die Schlüsselstelle dar. In drei kombinierten Längen (M5, M6 und M5) erreichten wir kurz vor zwölf Uhr den Gipfelgrat, der uns in einem kurzen Schneehatsch zum Westgipfel führte. Phu, das war richtig zackig! Doch wir wussten beide: auf dem Abstieg werden wir mehr als einmal fluchen. Die Sonne zeigte Wirkung, es brannte unermüdlich und die Schneemassen aus den vergangenen Wochen waren stets vorhanden. So genossen wir eine Wanderung durch Gletscherspalten abwärts, gewürzt mit interessanten Tanzeinlagen des Spurenden. Kurz vor der Fafleralp, die alles entscheidende Frage: reicht es auf das wartende Postauto? Es hat gereicht, und dies bereits mehrmals am heutigen Tage. Nur für den ersehnten Schoggidrink nicht. Eine bescheidene Schwäche des Lötschentals...

 

Facts zum Grosshorn 3754m - Westwandpfeiler:

Schwierigkeiten:

- SS+, M6, 1000m

Empfohlenes Material:

- Satz Friends, 1 Satz Keile (auch Kleine), Eisschrauben, mehrere Schlingen

 

Die Route ist durchaus ernst. Das Gelände meistens brüchig und nicht so einfach abzusichern. Lediglich beim Start der M6 Länge ist ein kleiner Keil zurückgeblieben. Ich schlug ihn mit dem Pickel etwas weiter in den Riss herein, so konnte ihn Damian nicht mehr entfernen. Gesamthaft bewertet ist die Tour etwas schwieriger als z.B. die Lauper-Route am Mönch. Doch sie ist etwas weniger ernst. Denn nach der Mitte kann man die Wand nach rechts ins Schmadrijoch verlassen. Auch können die Schlüssellängen alle rechts in einem Firncouloir umgangen werden. Der Abstieg erfolgt südwärts in Richtung Fafleralp. Es wäre ebenso möglich, via Westgrat ins Schmadrijoch abzusteigen und von dort aus zurück in die Schmadrihütte. Doch dies bedeutet nochmals technisch anspruchsvolles Gelände.

 

Wir wären froh um Informationen: bis jetzt wissen wir nicht zu hundert Prozent, ob dies eine Erstbegehung war. Obschon wir weder Infos in der gängigen Führerliteratur noch auf dem Internet fanden, vielleicht hatte schon jemand vor uns diese Idee? Im Gelände fanden wir auf jeden Fall keine Spuren darauf. Ein kleines Abenteuer war es auf jeden Fall trotzdem.

 

Alle Bilder:

Damian Göldi

Kommentar schreiben

Kommentare: 0