Winter in Kirgisien: eine frische Angelegenheit

Seit einigen Tagen bin ich zurück in der warmen Schweiz. Es ist Februar... und gestern rannte ich in kurzen Hosen und T-Shirt die Simmenflueh hinauf. Wahnsinn! Nur wenige Tage zuvor sind Damian und ich mit Goretex-Hosen und Daunenhandschuhen bewaffnet auf kirgisische Berge geklettert. Nicht nur ein Kulturschock, sondern auch ein Temperaturschock erwartete uns somit bei der Rückkehr in die Schweiz. 

 

Nachdem wir von Moskau nach Osh im Süden Kirgisiens geflogen sind, genossen wir noch die Stadt und deren Sehenswürdigkeiten. Ein abendlicher Ausflug auf den Suleyman-Too ist auf jeden Fall zu empfehlen, denn der Sonnenuntergäng lässt sich von dort aus besonders gut bestaunen. Nach einigen letzten organisatorischen Tätigkeiten sind wir dann am nächsten Tag entlang einer wunderschönen Gebirgsstrasse nach Sarytash auf 3100m gefahren. Dieses Dorf liegt im Süden des Landes auf dem wunderschönen Hochplateau Alai (auch Alai-Tal genannt). Sarytash diente uns von diesem Tag an als Ausgangspunkt für alle folgenden Touren.

Erster Schneetest über dem Taldyk-Pass

Natürlich wollten wir so schnell wie möglich die Ski an die Füsse bekommen und eine erste Tour unternehmen. Der lange Flug und die Fahrt nach Sarytash fordern ihren Tribut, wir werden ungeduldig... Shamurat unser Hostelier wurde ebenfalls vom Ski-Virus gepackt und hat ein paar alte Tourenski im Keller. Erst auch mit von der Partie und zu dritt spuren wir nun einem 3970m hohen Gipfel im Pamir-Gebirge entgegen. Der Schnee ist knapp, aber mit geschickter Routenwahl finden wir nicht nur Pulver, sondern auch eine wunderschöne Aussicht auf das riesige Alai-Tal. Mit 120km Länge und ganzen 30km Breite ist die Weite und Stille in dieser Gebirgslandschaft einfach unbeschreiblich. Kurz gesagt, es ist einfach schon toll wenn man weit und breit nichts anderes als Berge sieht. Es gibt kein Lawinenbulletin, keine Hilfe bei der Entscheidung der Routenfindung. Deshalb ist es extrem wichtig, dass man nicht als unerfahrener Neuling sich in die Hänge des Pamirs stürzt. Denn auch hier ist die Lawinensituation oftmals kritisch und bedarf einiges an Wissen und Erfahrung um nicht unnötige Risiken einzugehen.

Couloir, Wind und Tierfell...

Nach einem Ruhetag in Sarytash und kurzer Skitour mit der kleinen Hündin "Rambo", starteten wir ein neues Abenteuer hoch über dem Taldyk-Pass:

Ausstieg aus dem warmen Auto, der Wind pfeift uns unerbittlich um die Ohren, die Hände werden sofort kalt. Ich gebe Gas, ich will in ein Seitental hinein, so dass wir nicht mehr auf dem windexponierten Pass sind. Unterwegs kommen wir an einem Strommasten vorbei. Da hängen tatsächlich ein paar Tierkadaver... wir wissen bis heute nicht was der Grund für diesen Zustand ist. Hingegen wissen wir unser heutiges Ziel: ein steiles Couloir mit einem felsigen Gipfel als Dessert. Nach unzähligen Spitzkehren steigen wir gegen Ende vom Couloir rechts hinaus in die Felsen. Denn die letzten 50 Meter sehen ziemlich steil und eingeblasen aus. Wie sich in der Abfahrt zeigte, ein kleiner Irrtum. Die folgenden 200 Höhenmeter bis zum Gipfel absolvieren wir ohne Ski, jedoch mit starkem Gegenwind und brüchigem Felsen unter den Schuhen. Die Aussicht wie immer fantastisch. Der Wind wie immer unerbittlich. Die Kälte fordernd. Wir geniessen die Abfahrt in vollen Zügen, und freuen uns auf die wärmende Suppe bei Shamurat und Anargul.

Das Missgeschick auf dem Fluss

Wir gönnen uns einige erfrischende Erholungstage bei Shamurat, Anargul und Rambo in Sarytash. Anschliessend starten wir für unsere erste längere Tour: die Erstbesteigung eines 5380m hohen Berges an der Grenze zu Tadschikistan. Kurz nach Tagesanbruch fellen wir los. Der Weg: direkt über den eisigen Gebirgsbach, oder wohl eher Fluss. Eindrücklich, wirklich eindrücklich! Doch die Freude währt nicht lange. Eisiger Wind, nicht aufgepasst und zack... ich trete in ein wassergefülltes Loch. Prima, die Felle gefrieren natürlich unverzüglich. Und ich beginne mit dem Abschaben des Eises. Nun gut, ich scheine nochmals Glück zu haben. Ein solcher Fehler kann uns unter Umständen den ganzen Tag vermiesen. Ich wechsle somit auf Steigeisen und steige den Rest des Flusses mit den Ski am Rücken auf. Irgendwann kommt die Sonne, wie sehr ich mich darauf gefreut habe! Doch es wird nicht leichter, denn mit zunehmender Höhe und schwerem Gepäck komme ich arg ins Schwitzen. Oder besser gesagt ins  Schnaufen, denn selbst mit Sonne ist's noch angenehm frisch. Auf dem Gletscher beschliessen wir uns anzuseilen. Denn die dünne Schneelage und einige Spalten mahnen zur Vorsicht. Doch nicht nur dieses Problem stellt sich uns, zum dritten Mal in Folge ertönt ein ohrenbetäubendes Wummgeräusch: die Schneedecke hat sich gesetzt! Und wir stehen mitten in einem grossen Hang, wunderbare Ausgangslage. Feinfühlig wie wir sind, traversieren wir bedachtsam aus der Gefahrenzone. Nun können wir wieder einem sicheren Gratrücken aufsteigen. Doch auf einem Vorgipfel, knapp auf über 5000m Höhe, entschliessen wir uns die Besteigung abzubrechen. Wir sind zu spät dran und vor uns liegt ein technischer, blanker Eis - und Felsgrat. Das hatten wir nicht erwartet, doch es bleibt uns keine andere Möglichkeit. Somit kehren wir um und fahren als Entschädigung ein steiles Couloir mit Felskontakt ab. Nach neun Stunden körperlicher Ertüchtigung sind wir froh, auf dem Pamir-Highway unsere Füsse ausstrecken können. Nun, die Füsse etwas im Fluss zu baden liegt wohl nicht drin, Minus 20 Grad sei Dank.

Das vergessene Seil und die abgestürzte Drohne

Nach einem erneuten Ruhetag starten wir zu einem unserer Highlights: die Wintererstbesteigung eines 4720m hohen, technischen Gipfels südlich vom Alai-Tal. Nach einem langen und windigen Aufstieg durch ein abgelegenes Tal erblicken wir endlich unser Objekt der Begierde: eine wunderschöne und eisige Nordwand. Beim Aufstieg erkennen wir hingegen, dass der Anschein trügt. Unter dem Pulverschnee ist sofort das pickelharte Eis. Zu heikel für eine rasante und sichere Skiabfahrt... so klettern wir die letzten Meter auf der Westseite des Berges durch ein Couloir, mehr wühlend als kletternd. Doch die Schlüsselstelle ist noch vor uns: der finale Gipfelaufstieg! Nördlich bietet sich keine Chance, ausser wir würden das Risiko in Kauf nehmen, mit einer gewaltigen Masse Schnee den ganzen Weg wieder hinuntergespült zu werden. So versuchen wir es südseitig: wir steigen rund 50 Meter ab, Klettern hinüber auf die Südseite und steigen ein felsiges, technisches Couloir auf. Der Umstand, dass unser Seil zu Hause in der Wärme sich erholt, ist nicht gerade die optimale Grundlage, um brüchigen und steilen Fels zu erklettern. Doch nach einigem Suchen und Scheitern finden wir endlich einen möglichen Aufstieg. Um drei Uhr nachmittags stehen wir auf dem höchsten Gipfel dieses Berges! Wow! Diese Aussicht, einfach gewaltig. Doch die Freude hält nur bedingt, denn der Abstieg steht vor uns und die fortgeschrittene Uhrzeit ist ebenfalls präsent. Wir klettern ab, steigen auf der anderen Seite wieder auf und machen uns zur Abfahrt bereit. Damian fährt zuerst, denn er will anschliessend meine Abfahrt mit der Drohne filmen. Gesagt getan, ich sehe in der Ferne die Drohne und starte zur Abfahrt. Wie so oft, der Schnee vom Wind geprägt und alles andere als einfach zu fahren... oh je, ich werde auf diesem Film wie der grösste Anfänger aussehen. Dann quere ich in den äusseren Teil der N-Wand und starte mit den steilen Schwüngen. Da ist ja die Drohne... hm, wo war sie gleich? Ich sehe weiter unten Damian, er fuchtelt etwas herum und schreit mir etwas zu. Doch ich bin immer noch ziemlich weit über ihm, verstehe praktisch nichts. Nun gut, ich warte... vielleicht hat seine Drohne die Orientierung verloren und ist auf der anderen Bergseite. Er schreit wieder, ich schreie zurück. Kein Erfolg. Was ist wohl los? Ich versuche ihn anzurufen... 3, 2, 1 Prozent und mein Akku ist alle. Guter Versuch Mäsi, nächstes Mal. Ich schaue mich ein wenig um. Hm, da oben mitten in der Wand ist doch etwas? Mir geht langsam ein Licht auf. Das könnte ja wohl die Drohne sein. Nun verstehe ich auch Damians Aufregung: er hat es tatsächlich geschafft, in der Wand zu landen. Wohl nicht ganz freiwillig. Ich montiere die Steigeisen und klettere hinauf. In der Tat, unsere liebe Drohne. Zum Glück nur einen Propellerschaden. Durch den Pulverschnee hat sie sich in den Schnee eingefressen und ist nicht abgestürzt. Welch ein Segen! Ich fahre ab, und spät Abends begutachten wir bei Suppe und Manti den Unglücksflug DG0220, oder so...

Kalte Füsse... wortwörtlich

Nach einer Periode des Schneefalls und Sturms starten wir erneut auf eine grössere Tour. Unsere Idee ist nochmals die Erstbesteigung eines 5000ers. Nach dem wir während langer Zeit ein flaches Tal hinauf marschierten, erreichten wir spät Abends unseren Biwakplatz. Nach einer gemütlichen, etwas gar frischen Nacht auf 4000m starten wir ausgeschlafen und gut genährt (wirklich?) auf den langen Tag. Doch so lange sollte er nicht werden... der Schneefall hat uns zwar Pulver gebracht, hingegen auch eine aussichtslose Situation. Es hat schlicht zu viel Schnee, und obendrauf noch einen harten Deckel. So wurde das Spuren zu einer unermüdlichen und zermürbenden Aktion. Dies resultierte in wahrhaftig fehlender Motivation und einer ausweglosen Situation: wir kehren um, das hat keinen Wert. Umkehren ist immer schwierig, ist aber etwas vom wichtigsten als Bergsteiger! Ich kann hier offen und ehrlich sagen, dass ich bei allen schwierigen Touren mehr umkehre und abbreche, als dass ich erfolgreich auf dem Gipfel stehe. Und das ist gut so, sonst wäre ich längst nicht mehr hier und könnte meinen Senf über diese Expedition herausposaunen. Die Abfahrt war nicht sonderlich anregend, ein vom Wind geprägter Schnee und tückische Steine verliehen dem ganzen die nötige Würze. Auch heute geniessen wir spät Abends wieder eine feine Suppe im Hause Matiev. Einige Tage später gelingt uns eine wunderschöne Abschlusstour hinter Sarytash!

Wir vermissen Sarytash und dessen Bewohner bereits sehr, insbesondere Rambo unsere kleine Hündin. Es waren wirklich tolle Ferien und wir haben eine Menge gelernt. Das Land und dessen Gastfreundschaft schätze ich bei jedem Besuch wirklich sehr! Man ist überall willkommen und wird anständig behandelt. Hilfsbereit sind sie zudem auch, nicht selten wurden wir von einem fremden Fahrer aufgegabelt und nach Sarytash zurückgebracht. Auch wenn wir weder Kirgisisch noch Russisch sprechen, mit Hand und Fuss fragen einem die Einheimischen danach, was genau man den hier in Sarytash um diese Jahreszeit sucht! Das frage ich mich manchmal auch... in diesem Sinne, auf nach Kirgistan und liebe Grüsse

Marcel