Kirgistan - eine Reise ins Unbekannte. So stellten wir uns diese Expedition vor. Und vorne weg gesagt, dies traf voll und ganz zu. Einmal mehr wurde uns deutlich bewusst, dass eine "Expedition" mehr ist, als nur Leistung. Es ist ein intensives Erleben, ein "Probleme lösen", ein Verzichten und vielfach ein Leiden. Die Reise in Kirgistan lehrte uns viel, gab uns aber auch viel. Für uns gilt eins: Wir kommen wieder!

Basecamp Anmarsch - Karakol Valley

Morgens um 05:30 landeten wir in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek. Mit einem Taxi gelangten wir direkt ins Interhouse Hostel, wo wir auch gleich das Frühstück serviert bekamen. Wir waren beide etwas platt, ist es doch immer eine ziemliche Umstellung, wenn man in ein neues Land geworfen wird... andere Kultur, andere Sprache, andere Mentalität. Viele Eindrücke, die einen unter Umständen gleich etwas überfordern. Vor allem, wenn man anschliessend einige Sachen organisieren muss. Dennoch hatten wir am selben Abend die ganze Nahrung für 4 Wochen zusammen, den Transfer ins Karakol Valley organisiert und zusätzlich einige Infos eingeholt. Nur etwas fehlte: Benzin für den Kocher. 

Doch dieses bekamen wir endlich nach der sechsstündigen Fahrt von Bishkek nach Karakol in der letzt möglichen Tankstelle. Alle anderen Betreiber schauten uns nur dumm an und verboten uns, an ihren Säulen etwas abzuzapfen. Glück gehabt, doch sauberes Benzin ist anders. 

Anschliessend war es unser Plan, mit dem Taxi ins Tal hinein zu fahren. Es hiess zwar, die Strasse sei in schlechtem Zustand, aber fahrbar... naja, unser Taxi setzte schon im guten Teil zeitweise auf Steinen auf. Verständlich sagte der Fahrer, er wolle nicht mehr. So luden wir alles aus und wollten uns bereit machen zu schleppen. Doch dann, siehe da, es taucht von oben ein alter VW Bus auf. Er willigt ein, fährt uns 4km hinauf. Und ganz ehrlich, es war wirklich mit Abstand die schlechteste Strasse die ich je "befuhr". Teils hatte das Bussli so Schräglage, dass wir innen extra auf die andere Seite wechselten, damit er nicht kippte... Doch dann war Schluss, da die Strasse vom reissenden Fluss zerstört worden. Wir luden wieder aus, es regnete... wir kamen uns etwas vor wie "Ausgesetzt in der Wildnis - Teil 1".

Doch dann begannen wir mit dem Schleppen, was unser Programm der nächsten 4 Tage war. Nach gerade 100km und 2000hm in atemberaubender Landschaft, einigen Flussdurchquerungen und überstandenen Hundeangriffen, erreichten wir endlich unser Basecamp, vermeintlich... Nachdem wir alles eingerichtet hatten, wurden wir von Kühen "attackiert". Etwas ängstlich, wegen unserem Zelt, verschoben wir nach erfolgter Befehlsausgabe (Militär natürlich nicht vergessen) in der Übung IKEA, dass ganze Basecamp 200m nach Süden, härteten es mittels eines aus Reepschnur gebauten Zauns und richteten uns in einer 3. Phase wieder vollständig ein.

Zum Schluss stellte sich heraus, dass unser Satelittentelefon nicht funktionierte... somit bekamen wir auch nie einen Wetterbericht. Irgendwie waren wir auch froh, denn so wurde das Abenteuer nochmals etwas spannender (unsere Eltern sahen das leider nicht so...).

Brigantina Peak 4495m - Nordwandcouloir

Da wir keinen Wetterbericht hatten, mussten wir uns entsprechend arrangieren. Der Plan bestand darin, immer um 01:00 aus dem Zelt zu schauen um das Wetter zu begutachten. An besagtem Tag war es sternenklar und wir konnten um 05:00 starten. Auf dem Gletscher musste man beherzt spuren, denn der viele Niederschlag machte sich bemerkbar. In der Wand jedoch herrschten beste Verhältnisse! Wir konnten es kaum glauben... in Chamonix wäre dies wohl ein Ultra-Klassiker. Hier sind wir für uns, wenn, dann wird die Route äusserst selten geklettert. Doch 4 Seillängen in Eis bis 80°, was will man mehr?! Der Abstieg führte uns über den Ostgrat, spuren war wieder angesagt. Pünktlich auf dem Gletscher unten, kommt auch schon wieder das schlechte Wetter.

Zurück im Basecamp feierten wir die Tour mit einer Tafel M-Budget Schokolade und deliziösen Würstchen! Leider mussten wir feststellen, dass wir etwas hastig eingekauft hatten:

Die vermeintliche Tomatensauce entpuppte sich als Ketchup, die Beutelsaucen als Gewürzmischung und der Kartoffelstock als Kinderbrei oder etwas ähnlichem. Egal...fein ist hier eigentlich alles!

Mount Dzhigit 4970m - Versuch Nordwand

Nach 3 Tagen schlechtem Wetter hatten wir doch langsam etwas Bewegungsdrang. Denn in unseren kleinen Zeltern ist es auf die Dauer nicht so lustig. Doch vorerst mussten wir zum 3. Mal unser gesamtes Basecamp verschieben... der Zaun hält ein paar neugierige Kühe nicht ab! Nach erfolgter Tat, wir sind jetzt weiter im Tal hinten, gönnten wir uns, wie noch häufig, einen Kaffee. Nun sind wir schon fast zu Kaffee-Tanten geworden, das Warten gibt Hunger und Durst. Leider gehört dazu auch immer eine Tafel Schoggi, so neigten sich diese bald einmal dem Ende zu...

 

Irgendwann war es soweit, um 01:00 Uhr war die Nacht klar. Wir starteten, mit dem Ziel den genialen, 600m langen Eisschlauch in der rechten Dzhigit Nordwand zu klettern, vielleicht auch Erstzubegehen?! Aber ganz ehrlich, das ist egal, es ist Nebensache. Infos haben wir sowieso keine, spannend und hart ist es alleweil! Auf dem Zustieg das übliche spuren, um 06:00 Uhr standen wir endlich am Bergschrund. Diesen überschritten wir und bei einem herrlichen Sonnenaufgang traversierten wir nach links ins Couloir. Es folgten 8 traumhafte Eislängen, einige Stellen fast senkrecht, nahezu perfekt zum Klettern. Doch dann wurden wir auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Schlüssellänge in der Wandmitte entpuppte sich als "Harakiri-Länge". Da war kein Eis mehr, sondern eingewehter Schnee in einer senkrechten Felsverschneidung. Für mich war das Risiko schlicht nicht mehr vertretbar, ich konnte weder Schlaghaken setzten noch sonstwie sichern. Und vor allem, wie kann ich oben einen Stand bauen? Hier ist auf jeden Fall der falsche Platz für solche Eskapaden. Sehr schweren Herzens seilten wir in 10x50m die ganze Wand ab. Im Basecamp gönnten wir uns dennoch eine Schoggi, war es doch einfach ein geiles Eisklettern da oben.

Brigantina N-Pfeiler & Albatros Überschreitung

Gestern noch waren wir am Dzhigit, heute um 04:00 war des Wetter immer noch gut. So krochen wir wieder aus den Schlafsäcken und machten uns erneut auf in Richtung Brigantina Peak. Die Beine waren ziemlich müde, die Lunge pumpte nicht mehr so schnell. Egal, wir waren hoch motiviert, wussten wir ja nicht, wie lange das Wetter schön bleibt...

 

Unter der Nordwand des Brigantina blieben wir stehen. Wir entschieden uns erst hier, was wir kletterten wollten. Und der Nordpfeiler sah sehr ästhetisch aus. So stiegen wir ein. Im unteren Teil eher brüchig, fanden wir oben ein paar Hammer Felslängen. Auf dem Gipfel angekommen, entschieden wir uns, die ganze Überschreitung über die beiden Albatros Gipfel anzuhängen und hinten dann im anderen Tal abzusteigen. Auch dies, traumhaft schön, jedoch sehr brüchig und wir langsam sehr müde und dementsprechend langsam kamen wir vorwärts. Doch pünktlich auf das schlechte Wetter waren wir auf dem Gletscher unten, und erneut nach 12h zurück im Basecamp, wo wir natürlich wieder gross feierten (so gut wir halt konnten, meistens in Form von Schoggi und einer Büchse Thunfisch, die wir uns gönnten).

Mount Dzhigit 4970m - Nordostwand

Nach einem Erholungstag starteten wir erneut in Richtung Dzhigit. Ich fühlte mich noch schlapp, kränkelte ich doch am Vortag etwas. Doch zum guten Glück pushte ich mich, weiter zu gehen. Wir wurden mit einem absoluten Hammer Tag belohnt, denn durch die 1000m hohe Nordostwand des Dzhigit zu klettern, war einfach ein Traum. Eine geile Eislänge gab dem Ganzen noch die Würze, war es doch sonst eher eine einfache Tour für uns. Nachdem wir über die Wächte kletterten, konnten wir uns kaum mehr satt sehen. Die Berge dahinter schienen unendlich weit zu sein. Einfach eine unglaublich schöne Aussicht, und vor allem viele weitere Projekte und Ideen... doch es war fertig "Lustig". Der Grat auf den Gipfel zog sich in die Länge, und vor allem mussten wir wieder kräftig spuren. Doch um 10 Uhr waren wir endlich oben, überglücklich, es geschafft zu haben.

Bekannterweise ist das Top erst die halbe Miete, denn der Abstieg über den gesamten Grat zieht sich in die Länge. Wir wussten dass er russisch mit 5A bewertet ist, doch anfangen konnten wir eigentlich nichts damit. Auf jeden Fall mussten wir wieder viel spuren, einige Spalten überwinden und Nassschneerutschen ausweichen. Und wiederum pünktlich, als wir unten waren, begann es über dem Dzhigit kräftig zu donnern. So lustig wäre es oben nicht mehr...

Warten & vorzeitiger Abbruch

Nach der Dzhigit Besteigung folgte ein langes Tief. 4 Tage Regen erwarteten uns. Und leider nicht nur das. An meinen Finger entwickelte sich wieder ein komisches Ekzem. Dieses begann so zu schmerzen, dass ich nachts kaum mehr schlafen konnte, regelmässig die Hände ins eiskalte Bergwasser hielt, damit sie "einfroren". Doch auch die Schmerzmittel neigten sich irgendwann dem Ende zu. Nach der fünften schmerzvollen Nacht entschied ich mich schweren Herzens, die Expedition an dieser Stelle abzubrechen. Doch damit muss man rechnen, wir haben keinen Arzt hier, können auch keine Infos einholen. Die Angst vor einer Infektion stieg auf jeden Fall gewaltig. Auch mit dem Kocher hatten wir Probleme. Dieser war so dreckig, dass wir ihn nicht mehr zum Laufen brachten. Wir entwickelten den "Notkocher 16", eine alte Büchse mit Löcher, Benzin rein, anzünden und fertig.

 

Am Dienstag, 02. August, holte ich vormittags das Depot vom Gletscher runter, nachmittags stiegen wir bis ins Trekker Camp ab, mit 35kg am Rücken... nicht so lustig. Am Tag darauf schleppten wir uns weiter das Karakol Valley hinaus. Zum guten Glück stiessen wir auf einen älteren Herr mit Militärähnlichem Puch-Auto! Im Eiltempo ging es hinaus nach Karakol, in ein Hostel und in die wohlverdiente Pizzeria.

 

Schon am Donnerstag verliessen wir Karakol in Richtung Bishkek Flughafen. Nachdem ich beinahe vom Militär verhaftet wurde (sie wollten mein Handy kontrollieren, sahen darauf leider einige Fotos von der Infanterie Offiziersschule) konnten wir den Flug umbuchen und am Freitag in die ruhige Schweiz zurückfliegen. Eine dennoch sehr spannende Expedition neigte sich schon wieder ihrem Ende zu, doch schon bald geht es gerade in die andere Richtung wieder ins nächste Abenteuer!