Nach zweiwöchiger Regeneration in der Schweiz startete ich Mitte August meine Solo-Expedition nach Südamerika.

Es war eine völlig neue Erfahrung: Diesmal war ich alleine, ich kam von der sicheren, ruhigen Schweiz in ein komplett anderes Land. 
Doch gerade dieser Umstand und die "Exponiertheit" machten diese Reise unvergesslich und zu einem wahren Abenteuer!

Nev. Tocclaraju - 6034m (Speed Solo)

Pünktlich landete ich in Lima, und wie jedesmal traf es mich wie ein Hammerschlag: man kommt direkt aus dem sicheren Flughafen und ist mitten im Geschehen, Gehupe, Menschenmassierungen, Stau, verwahrloste Slums und und und... Ich war nervös, behielt mein Gepäck ständig im Blick. Doch das Taxi brachte mich direkt nach Javier Prado, dem Busterminal von Cruz del Sur. Bereits am Abend traf ich in Huaraz ein, mittlerweilen fühlte ich mich schon viel besser, ich hatte mich sehr schnell an die neuen Umstände gewohnt. 

Vorne weg: Ich hatte mein "Basecamp" im Hostel "Casa de Zarela"! Dies kann ich sehr empfehlen, viele Bergsteiger hausen hier und Zarela (die Besitzerin) hilft einem bei allem Organisatorischem... und das Frühstück ist der Hammer!

 

Nach einer Nacht an der traumhaftschönen Laguna Churup stieg ich wieder nach Huaraz ab. Ich wanderte durch Dörfer, begegnete vielen Einheimischen und streunenden Hunden. Sie sahen verwahrlost aus, hatten wunden. Doch ich hatte das Gefühl, sie schienen glücklich zu sein! Wir Menschen sollten uns ein Beispiel an Ihnen nehmen dachte ich mir, denn die Tiere nehmen einfach alles wie es kommt, sie jammern nie, klagen nie. Das Bild dieser Hunde blieb mir die ganze Reise hangen...

 

Nev. Ishinca - 5530m (Solo):

Tags darauf machte ich mich mit Silvia und Damià aus Katalonien auf in Richtung Ishinca Basecamp. Nach dem wir einem Esel auf den Weg zurück verhalfen trafen wir im wunderbar gelegenen Camp auf 4300m ein. Am Dienstag startete ich zu meiner ersten Bergtour, den Nevado Ishinca - 5530m. Ich startete mit Abstand als Letzter um ca. 05:00, war jedoch wieder der Erste zurück und konnte somit ein feines Zmittag geniessen. Trotz fehlender Akklimatisation war ich zügig unterwegs, ich bezahlte dies jedoch mit grossen Kopfschmerzen.

 

Tags darauf schleppte ich mich ins Highcamp für den 6034m hohen Nev. Tocclaraju. Die Pyramide sieht einfach fantastisch aus, ich konnte nicht widerstehen! Da die Route sehr stark vergletschert ist, wollte ich sie eigentlich nicht solo begehen. Doch ich wollte da hinauf. Am Abend stürmte es, ich lag im Zelt. Mir gingen allerlei Gedanken durch den Kopf. Ich zweifelte, ich war gerade mal 6 Tage in Peru und morgen wollte ich schon einen 6000er besteigen, Akklimatisationstechnisch nicht optimal. Ich hing meinen Gedanken nach, ich hatte Angst, ich wollte hier oben nicht sterben, in eine Gletscherspalte fallen. Den nächsten Tag sass ich im Zelt, es stürmte extrem fest.

 

Nev. Tocclaraju - 6034m (Speed Solo):

Doch in der Nacht um 23:15 Uhr stand ich auf, mampfte mein Zmorge, und um 00:15 ging ich los. Ich folgte meinem Lichtkegel der Stirnlampe. Es hatte keinen Mond, es war stockfinster. Ich steuerte um tiefe Gletscherspalten, manchmal sah ich eine Spur. Über den grossen Gletscher gings hoch zum Einstieg. Ich überquerte einen tiefen Bergschrund und kletterte 100hm eine steile Eiswand hoch zum Grat. Am Ende war es bis zu 80 Grad steil, eine letzte Spalte überwand ich über eine grosse Brücke. Es war irgendwie beängstigend, aber ich war im Element, ich lief, kletterte, keuchte. Ein super Gefühl: Ich, der Berg und die Nacht, unbeschreiblich... tief unten im Tal sah ich Lichter, ich konnte sie aber keinem Dorf zu ordnen. Ich folgte dem Nordostgrat, es windete stark und war kalt. Doch ich war überzeugt, dass ich es schaffe. In meinem Tagebuch notierte ich anschliessend folgendes: 

"Schon bald komme ich unter der Gipfelpyramide an, es ist dunkel, irgendwie gefürchig. Doch ich bin ganz ruhig, hochkonzentriert, im Flow. Ich klettere den steilen Eisgrat hinauf, Wind, Sturm, Nacht. Ausgesetzte Eistraverse nach links, nochmals 50m steil hinauf. Gipfelgrat, ich gehe zügig, eine letzte Spalte, ich steige in sie hinab, klettere kurz senkrecht auf der anderen Seite hoch. Ein paar letzte Schritte und ich stehe auf seinem höchsten Punkt, über 6000m über dem Meer. Wow, ich bin voll im Flash. Die Lichter in den Täler funkeln, sie sind weit weg. Es ist 04:15, dunkel, windig, sternenklar. Schnell steige ich ab, hochkonzentriert, angespannt im ganzen Körper. Ich registriere alles sehr feinfühlig, der Schnee unter meinen Füssen knistert, das harte Eis splittert."

Um 06:15 kam ich ins Zelt zurück, legte mich hin und schlief sofort ein. Ich hatte extreme Kopfschmerzen, konnte nicht klar denken. Die letzten Meter über den Gletscher stieg ich wie in einem Delirium ab, ich sagte mir immer wieder: "Konzentrier dich Mäsi, du darfst nich fallen!".

 

Erst als ich am Abend im Basecamp eintraf realisierte ich langsam, wie glücklich ich war. Ich konnte meine Mentalität, mein Styl "fast & light" auch solo an einem 6000er durchziehen. Mir wurde einmal mehr extrem bewusst, wie wenig mir die Leistung bedeutet! Die Gefühle, das Erleben da oben ist unglaublich, ja unbeschreiblich... so gönnte ich mir ein gutes Essen im Café Andino in Huaraz.

Nev. Alpamayo - 5947m

Zusammen mit Silvia und Damià machte ich mich auf den Weg in Richtung Alpamayo Basecamp. Wir beschlossen, zusammen zu gehen. So konnten wir Kosten und Material teilen. Das Wetter war mies, nach 8h Marsch kamen wir spät Abends im Basecamp an. Von einer anderen Expedition bekamen wir eine heisse Schoggi, wunderbar. 

 

Am nächsten Vormittag nahmen wir es gemütlich und stiegen langsam hinauf ins Moränencamp. Unser Plan war es, am folgenden Tag direkt von dort auf den Gipfel und zurück zu steigen, so mussten wir nicht auf dem Gletscherplateau übernachten. Dies bedeutete jedoch einen nächtlichen Aufstieg über den spaltenreichen Gletscher. Um 23:00 Uhr in der Nacht ging es los. Es hatte geschneit, die Spur war nicht mehr gut zu erkennen. Ich navigierte voraus, glaubte kaum an einen Versuch in der Gipfelwand. Doch irgendwie fand ich einen Weg durch das Labyrinth, und wir kamen unter die 2 steilen Längen die hinauf zum Gletscherplateau führten.

 

Es war windig, einige Zelte standen im Camp. Doch niemand war am klettern. Hier war die Spur besser, ich folgte ihr, doch unterhalb des Berschrundes musste ich wieder spuren. Ich fand die richtige Rinne und wir begannen in der 3er Seilschaft zu klettern. Es war sehr kalt, ich war mir nicht sicher ob ich umdrehen sollte. Doch das Klettern selbst war Hammer, aber sehr streng. 10 wunderbare Eisseillängen führten direkt hinauf zum Gipfel. Um 09:00 Uhr standen wir oben, unglaublich, den Alpamayo für uns alleine, das gibt es wohl selten! Wir begannen mit dem Abseilen und mittags kamen wir zum Plateau. Es begann nun leicht zu schneien, die Orientierung auf dem Gletscher wurde wieder schwieriger. Doch um 17:00 trafen wir endlich am Zeltplatz ein, wir waren überglücklich und vielen sofort in einen tiefen Schlaf.

 

Am nächsten Tag wanderten wir das wunderschöne Santa Cruz Tal hinaus. Es ist sehr lange, aber auch sehr eindrücklich. Die Rückfahrt nach Huaraz ist immer wieder unglaublich schön, man fährt am Fuss des Huascaran entlang, eindrücklich... Den Abend verbrachten wir zu dritt im Trivio, mein Lieblingsrestaurant. Das Cordonbleu kann ich sehr empfehlen, einfach Hammer!

Nev. Huamashraju - 5432m (Solo)

Nach dem ich von Silvia und Damian Abschied genommen habe machte ich mich auf den Weg in Richtung Nev. Huamashraju. Dies ist ein Felsberg hoch über Huaraz. Nach dem ich in einem Dorf noch ein Eseli auftreiben konnte, ging es hoch ins wunderschöne Basecamp. Es liegt hoch über einer in Felsen eingebetteten Laguna. Weit oben thront der Huamashraju, er ist bekannt für sehr gute Granitrouten! 

 

Ich versuchte mich an einer neuen Linie, doch ich war noch nicht bereit dafür und entschied mich in der 2. Seilläge abzuseilen. Ich war enttäuscht, niedergeschlagen. Doch tags darauf stürmte ich kurzerhand über die Westflanke und ein Eiscouli in 2h40min vom Basecamp auf den Gipfel. Bereits am Nachmittag war ich wieder in Huaraz und plante die nächste Tour.

 

Ich wollte mich am Artesonraju versuchen und fuhr somit an die traumhaft schöne Laguna Paron. Doch ich fühlte mich nicht gut, stellte nach 2h laufen mein Basecamp auf. In der Nacht hatte ich einen sturmen Kopf, mein Magen protestierte, ich hatte leicht Fieber. Somit entschied ich mich abzusteigen und kehrte schnurstraks zurück ins Casa de Zarela. Ich war deprimiert. Den die Verhältnisse waren allgemein nicht so gut, sehr trocken und viele Wände somit nicht kletterbar. 

 

Kurzerhand entschloss ich mich einen neuen Weg einzuschlagen. Noch am selben Tag buchte ich einen Flug nach La Paz, Bolivien. 2 Tage später verliess ich Huaraz in Richtung Lima, wo ich am nächsten Tag in ein neues Abenteuer startete...