LERN-INTENSIVE ZEIT IM KARAKORUM

In den Bergen lernt man fortlaufend neue Sachen. Gerade in jungen Jahren, wo die Erfahrung noch fehlt. Besonders spürbar ist diese Tatsache an den hohen Bergen. Obschon es bereits meine 5. Expedition war, passierten mir einige Fehler, die in Zukunft nicht mehr passieren dürfen. Das Gute ist: ich kenne sie nun und kann sie beim nächsten Mal vermeiden. Denn eines ist klar, auf der kommenden Expedition werde ich wieder Fehler machen. Solange es nicht die Gleichen sind, ist alles im grünen Bereich! Was mir und Damian auch ohne Gipfelerfolg am 6660m hohen Baintha Brakk IV (auch Ogre 4 genannt) bleibt, sind eindrückliche Erinnerungen an eine Landschaft, in der unendlich viel Potential besteht. Und: eine tolle Freundschaft mit Ishaq und Fida, unserer unermüdlichen und immer gut gelaunten "Basecamp-Crew". Hast Du schon mal eine Person erlebt, die immer nur lächelnd vor einem steht? Ich nicht, bis ich Ishaq kennen lernte...

 

Mitte Juli flogen wir über Islamabad nach Skardu, dem Ausgangspunkt unseres Abenteuers. Ich lief zu dieser Zeit mit Krücken. Weshalb? Mein erster Fehler bestand darin, eine Woche vor Abflug den Eiger Ultra Trail zu laufen. Mit 101km und 6700hm nicht gerade ein Zuckerschlecken. Punkt Nr. 1: Nie wieder einen Ultralauf zu nahe an einer Expedition absolvieren. Ich merkte später bereits auf dem Basislager-Anmarsch, dass mein Körper müde und ausgelaugt war (eine logische Konsequenz, denn er befindet sich immer noch in der Regenerationsphase).

 

Während 3 Tagen marschierten wir mit Trägern, Pferden und allerhand Plunder den Biafo-Gletscher hinauf. Übrigens, dies ist der 3. grösste Gletscher der Welt (abgesehen von den Polkappen). Als so gleich das Wetter gut wurde, starteten wir eine Akklimatisierungstour auf den 5300m hohen Uzun Brakk VI. Zurück im Basislager erhielten wir die Nachricht, dass das Wetter in einigen Tagen umschlagen würde. Wir wussten, dass bei Neuschnee unsere Route am Baintha IV für mehrere Tage nicht mehr kletterbar sein würde (auf Grund von Lawinen). Deshalb entschieden wir, bereits zu diesem Zeitpunkt in Richtung Gipfel aufzubrechen. Gesagt getan, 2 Tage später fanden wir uns auf einer Höhe von knapp 5800m wieder. Es war früher Morgen, der erste Teil der Wand lag bereits unter uns. Zuvor hatten wir unser Zelt eingerichtet. Und prompt passierte etwas Unvorhergesehenes: ich wurde akut höhenkrank. Mit allem drum und dran: Übelkeit, Schwindel, Fieber, Schwäche, leichte Halluzination. Wir versuchten, so schnell wie möglich abzusteigen. Doch ich hatte keine Chance, ich war so schwach, ich konnte nicht abklettern. Auch die objektiven Gefahren wären zu gross. Da wir in einer Südwand unterwegs waren, herrschte am Tag intensiver Stein - und Eisschlag. So warteten wir bis am frühen Morgen, wo alles gefroren war. Die nächtliche Kälte wirkte Wunder, ich konnte danach sehr sachte und bedacht die lange Traverse zurückklettern. Von dort gelang es uns, den schwierigen Teil abzuseilen. Mit jedem Meter wurde es besser und ich konnte bald wieder laufen. Auf 4800m war ich beinahe wieder gesund, und so stiegen wir noch am selben Tag ins Basislager ab. Was ist passiert? Ich habe folgende Fehler gemacht: die Akklimatisierung war zu kurz und unseriös. Wir haben uns vom klassischen Schönwetterfenster-Problem dazu verleiten lassen, zu früh in die Wand einzusteigen. Zudem sind wir den unteren Teil der Wand deutlich zu schnell geklettert. Gerade in der Höhe ist es immens wichtig, langsam aufzusteigen. Man kann sagen, wie ein Yak. Weiter denke ich, dass die Höhenkrankheit bei mir deshalb ausgelöst wurde, da mein Körper vom Eiger Ultra Trail und dem anschliessenden Aufstieg ins Basislager sowie dem Akklimatisieren zu fest geschwächt war und deshalb so stark darauf reagierte.

 

Zurück im Basislager erholte ich mich lange Zeit nicht mehr gut. Ich war geschwächt. Physisch wie psychisch. Ich gebe ehrlich zu, eine Zeit lang hatte ich mit meinem Leben dort oben abgeschlossen, ich konnte nicht mehr klar denken und hatte keine Idee mehr, wie ich hier hinunter komme.

Nach einiger Zeit entschlossen wir uns, als Abschluss der Reise einen kleinen unbestiegenen Berg anzugehen. Während zweier Tage kletterten wir über die vergletscherte Nordseite eines 5963m hohen Gipfels. Wir tauften ihn "Siayh Kangri Ho Brakk". Siyah = weiss, Kangri = vergletschert, Ho = die Gebirgsregion (benannt nach dem Dorf "Ho" im Askoli-Tal) und Brakk heisst nichts anderes wie "Berg". Ein schöner Abschluss!

 

Wir genossen die letzten Tage im Camp ausgiebig, denn unsere beiden Köche Fida und Ishaq Muhammad sind wahre Künstler. Was diese auf den Tisch zauberten war unglaublich! Von Pizza über Cake bis hin zu Schweizer Rösti war alles dabei. Ist man während mehrerer Wochen zusammen unterwegs, so schliesst man enge Freundschaften. Und genau diese Freundschaften sind mir am lebhaftesten in Erinnerung.

 

Uttigen, 15.09.2018

Marcel Jaun