AUF DEN SPUREN DER ERSTBEGEHER DES GENFERPFEILERS

"Deep Blue Sea", ein klingender und bekannter Namen für jeden etwas alpin orientierten Kletterer. Die wohl berühmteste alpine Sportkletterroute im Berner Oberland. Doch was um Himmels Willen ist "Portes du Chaos"? Der Name ist Programm. Weiter links am Genferpfeiler führt die Route der Erstbegeher vom Genferpfeiler hoch (Gérard Hopfgartner und Michel Piola, 1979). Im Führer steht folgende Beschreibung: "Spitzenkletterer haben sich durch die Wand gekämpft. Absicherung anspruchsvoll, Fels nicht immer gut". Mein Alpinkletter-Herz schlägt sofort höher! Früher wurde die Route technisch geklettert, bis Roger Schäli vor einigen Jahren die erste Onsight-Begehung für sich verbuchen konnte. Seither hat sie wohl kaum mehr als 10-12 Begehungen gesehen. Ich war Feuer und Flamme. 

 

Zu Beginn von diesem Juli kletterte ich Abends mit Damian Göldi den unteren Teil der Wand bis hoch zum Damoklesbiwak. Die Wand beginnt nun halt unten und nicht beim Dynamitloch... nach einem wunderschönen Abend starteten wir früh. Die ersten Seillängen lagen bereits hinter uns, als ich in die erste Schwierige einstieg. Ich wusste nicht genau, was mich erwartete, im Topo steht "6a+/A3/brüchiger Überhang". Nun ja, brüchig sah es aus, doch irgendwie war es nur halb so schlimm. Die nächsten Längen waren etwas entspannter, bis ich an einen Stand kam, an dem 2 alte Rostgurken in ein Loch geschlagen waren. Wohlgemerkt übereinander, damit sie die Grösse des Loches erreichten. Oha, das kann ja noch heiter werden. Zum Glück konnte ich bald einige Meter weiter oben einen Friend setzen, so war die Lage entschärft. Im oberen Teil wartete dann die Schlüssellänge, mit 7a/7a+ bewertet für heutige Massstäbe eher einfach. Doch die hatte es in sich. Zuerst kam steile Kletterei an nicht immer über alle Zweifel erhabenen Leisten, es folgte eine sehr strenge Verschneidung, bei der man mit dem rechten Fuss immer auf einer Platte sehr hoch anstehen musste, und zum Dessert gab es eine schöne Wandkletterei links hinauf zu einem Stand. Diesen konnte ich gut mit Friends ausbauen, damit Damian am Seil aufsteigen konnte. Phu, das war jetzt schon noch heftig für 7a/7a+ dachte ich. Am späteren Nachmittag standen wir beide glücklich auf dem Genferpfeiler. Ich war happy, mir gelang die gesamte Route onsight. Das war jetzt mal ein cooles Abenteuer!

 

Doch es war noch nicht zu Ende. Als Training für unsere Expedition setzten wir uns zum Ziel, anschliessend ein Rückzugstraining über die Route "Chant du Cygne" zu absolvieren. Das Abseilen über einen leicht überhängnenden Pfeiler in einer uns nicht bekannten Route forderte uns. Wir verbrauchten so viel Zeit mit dem Suchen der Standplätze, dem Abziehen der Seile und dem restlichen Abstieg, so dass wir bei Dunkelheit noch weit entfernt vom Einstieg waren. Und prompt passierte es genau in diesem Moment, dass das Seil sich verhängte. Ich stieg also nochmals 50m auf, langsam etwas gar müde. Ich musste mich konzentrieren, denn einen Fehler darf man sich hier nicht erlauben. Und gerade bei solchen Aktionen passieren oftmals Sachen, die verheerend sind. Um 22 Uhr entscheiden wir uns, nochmals zu biwakieren. Den restlichen Abstieg führten wir dann am folgenden Tag aus, und freuten uns auf das Coop in Grindelwald. Denn Essen hatten wir nicht gerade viel dabei, und ausser ein paar Riegel hatten wir den ganzen Klettertag durch nichts mehr zu essen gehabt. Auch bei uns passieren oft Fehler, nicht nur beim durchschnittlichen Kletterer. Wichtig ist, dass man dabei lernt und weiterkommt. Und in schwierigen Situationen nie den Humor verlieren, das ist ein Tipp den ich euch gerne mit auf den Weg gebe!

 

Herzlichen Dank an Damian für die Geduld beim Sichern!

 

Uttigen, Juli 2018

Marcel Jaun