Was blieb mir in Erinnerung von dieser Reise? Eine ganze Menge! Ich kann gar nicht sagen, was die stärkste Emotion in mir auslöst. Der Strand, die vielfältigen Fischgerichte, die Sonne und das laute Rauschen vom Ozean in den letzten Tagen während meiner Peru-Expedition machten mich glücklich. Diese verbrachte ich im Norden von Peru, nur unweit von der Grenze zu Ecuador. Hier war es warm, windig und sonnig. Ich fühlte mich einsam, glücklich und zufrieden. Ehrlich gesagt, ich hatte seit Jahren nicht mehr solch ruhige Tage am Meer verbracht. Ich gestehe mir ein: es tat richtig gut! Alles brauchte Ferien. Mein Kopf, mein Körper. Und das war gut so, ich konnte abschalten. Auf dieser vierten Reise nach Peru realisierte ich deutlich, dass mir die Lebensmentalität, die komplett gegensätzlichen Umstände zur Schweiz und die Art und Wiese wie man dort lebt, sehr gut zusagt. Mir wurde bewusst, dass ich mir vorstellen könnte, eine längere Zeit dort zu leben. 

 

Bevor ich euch mit weiteren Kleinigkeiten von den Stränden Perus belästige, komme ich zu nackten Zahlen. Ich erreichte weder einen bedeutungsvollen Gipfel, noch überschritt ich die 6000er Marke. Ich fühlte mich als ein Versager, ich fühlte mich als einen hoffnungslosen Nichtsnutz. In diesen Momenten der Enttäuschung über meiner Unfähigkeit, lernte ich Sachen über mich, für die ich dankbar bin. Als ich nach allen Misserfolgen endlich am Strand ankam, liess ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich begann, das Bild im Gesamten zu betrachten. Klar, im ersten Moment habe ich versagt, ich habe das Ziel meiner Expedition nicht erreicht. Punkt, da gibt es nichts zu rütteln. Ich habe nicht mal das Minimumziel erreicht: einen Gipfel in der berüchtigten Cordillera Huayhuash. Doch ich hatte eine spannende Zeit, ich lernte meine Psyche und meinen Körper besser kennen. Und ich verbesserte meine Spanischkenntnisse. Nein, Spass bei Seite! Auf dem Weg zu meinem Projekt hatte ich viele Hoch und Tiefs zu durchschreiten. Ich erlebte viele tolle Momente, aber auch viele harte. Abends alleine im Schlafsack zu liegen, mit der Gewissheit, dass ich keine Chance mehr habe, etwas zu erreichen, das schmerzt. Gewaltig!

 

Ich dachte an Kleinigkeiten, die mir während der Vorbereitung eine riesige Freude machten: mit Roman Hutzli im Sertigtal nach einem Training einen Kaffee trinken. Oder mit Nadja in den Calanques direkt über dem Meer zu klettern, abends gemeinsam im Zelt einzuschlafen. Oder die vielen harten Intervalls, vor denen ich immer Angst habe. Doch am Abend nach der Session war ich zufrieden, ich hatte es durchgezogen und war meinem Ziel in der Cordillera Huayhuash einen Schritt näher. Und nun klappte es nicht. Das sind die Spielregeln der Berge. Ich setzte mich ihnen aus und habe sie zu akzeptieren. Ich hänge von den Verhältnissen ab, vom Wetter, von widrigen Umständen, und nicht zuletzt wie jeder Sportler: von meinem Körper! Und dieser war müde, ausgelaugt und krank. Ich hörte nicht auf ihn, ich ignorierte die Zeichen, die er mir sendete. Jetzt hatte ich zu büssen. 

 

Nach etwas mehr als einer Woche im Basislager, stieg ich auf ins Hochlager des Rasac. Den etwas über 6000m hohen Gipfel erreichte ich im Jahre 2015 zusammen mit Damian Göldi. Dieses Mal wollte ich ihn der ganzen Länge nach Überschreiten. Danach wäre ich genügend akklimatisiert, um mich an den Yerupaja zu wagen. Am Nachmittag schleppte ich schwerbepackt in Richtung Yerupaja Westglacier, baute das Zelt auf, genoss ein Trek’n Eat Milchreis (mjam) und legte mich hin. Bald darauf wurde mir schummrig, schwindlig, übel und ich bekam starke Kopfschmerzen. Ich wusste sofort: «Mäsi, mach ne Fliege…». Letztes Jahr in Pakistan war es dasselbe Prozedere. Ich war höhenkrank. Ich wollte so schnell wie möglich runter. Ich war auf mich alleine gestellt. Und so schwankte ich müde, aber dennoch konzentriert hinunter in Richtung Laguna Solteracocha. Dort musste ich mich nochmals zusammenreissen: der Weg entlang der Lagune ist ausgesetzt und mit hohem Gras bewachsen. Auf den letzten 30 Minuten benötigte ich die Stirnlampe. Müde und etwas ausgelaugt erreichte ich das Basecamp, ich war in Sicherheit. Mir ging es besser, ein klares Zeichen der Höhenkrankheit. Nach Pasta mit Bratensauce legte ich mich hin. Doch in der Nacht wurde ich geweckt: ein dreister Eseltreiber beschäftigte sich mit meinem Zelt. Ich weisste ihn freundlich darauf hin, dass in diesem Zelt schon ein Bewohner haust, und er doch dorthin gehen solle, wo er hingehört. War es doch nicht so schlecht, dass ich bereits unten war. Sonst würde wohl weit mehr als meine bereits zu dem Beginne der Reise entwendete Suunto Uhr fehlen.

 

In den nächsten Tagen fällte ich einen Entscheid: ich hatte seit der Abreise in der Schweiz eine Erkältung. Problem: als Grundlage zum Höhenbergsteigen äusserst schlecht. Ich entschied, die Expedition in der Huayhuash abzubrechen. Ohne Gipfel, ohne Kletterei, ohne Irgendwas. Ich genoss ein viertes Mal den wunderschönen, schweisstreibenden Aufstieg durch stachelartiges Gras in mein Hochlager. Dieses wollte ich wieder mit nach Huaraz nehmen. Nach knapp 2 Wochen und einer staubigen, 6 stündigen Fahrt, war ich im Trivio: Cordon-Bleu mit Pommes und Pilzrahmsauce. Was für eine Schlemmerei!

 

Die Motivation war im Keller. In den nächsten 2 Wochen kletterte ich einige leichte Touren in der Cordillera Blanca. Ich rechnete damit, nochmals in die Huayhuash zurückzukehren. Doch dies sollte nicht sein. Die Erkältung blieb, und ich riskierte keinen weiteren Versuch an den schwierigen Bergen. So bestieg ich den Pisco, den Vallunaraju und versuchte mich am Tocclaraju. Dieses Mal musste ich 200m unter dem Gipfel umkehren, es windete extrem stark. Doch es war ein schöner Abschluss der Reise, und auf dem Gipfel war ich ja vor 3 Jahren bereits. Mir blieb eine Woche Zeit zur Verfügung. Und die wollte ich ganz entspannt angehen. Einmal etwas nicht Alpinistisches machen, etwas ganz Mäsi-untypisches… Badeferien! Richtig, und zwar im Norden Perus, in der Nähe der Grenze zu Ecuador. Mancorà hiess das schöne Dorf. Obschon ziemlich touristisch, genoss ich einige geniale Tage am Ozean, mit guten Fischgerichten, vielen Schwimmen im Meer und sogar einigen beobachteten Tieren: Wale, Delfine, Seelöwen und riesige Meeresschildkröten. Einmal mehr nehme ich Abschied von Peru, neben der Schweiz mein absolutes Lieblingsland!